Schützenadler
Die Schützengesellschaft Jena im Wandel der Zeiten

Die Zeitfolge
Teil II (1614 bis 1880)

Angenommen wird, daß im 17. Jahrhundert zwar Scheibenschießen auf der Landfeste durchgeführt wurden, aber diese nicht den Charakter eines öffentlichen Volksfestes hatten. So schreibt Adrian Beier in seinem "Architectus Jenensis" für den Zeitraum 1618 bis 1670: „… so lange ich bin, Gott Lob und Danck! in Jena gewesen, weiß ich zwar von Büchsenschiessen nach der Scheibe, geschehen im Stadtgraben bey dem Johannisthor gegen den keulichten Thurme, und auf der Landfeste, aber von keinem Vogelschiessen …”
Der Chronist Wiedeburg bemerkt zu weiteren Schießplätzen: „Der obere Johannisgraben hieß vor uralten Zeiten "der Schützengraben", dieweil die Bürger daselbst ihre Scheibenschießen mit Büchsen und Armbrüsten hielten. In dem unteren Theil des Fürstengrabens bis an die Schloßbrücke war ein Gehege zur "wilden Schweinsjagd" angelegt.” /11c/
Erwähnt wird noch, daß bis in die 20er Jahre des 18. Jahrhunderts nur auf Scheiben geschossen wurde. /2/

1614: Vom Freitag, den 23. Mai, bis zum Donnerstag, den 29. Mai, veranstaltete der Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg ein Prunkschießen, zu dem zahlreiche Fürsten und Städte eingeladen wurden. Darunter u.a. Erfurt, Dresden, Leipzig, Plauen, Zwickau, Eisenach, Gotha und Weimar.
Unrühmlich erwähnt, weil schlechtester Schütze im ersten Durchgang, wurde der Assessor am Jenaer Schöppenstuhl Dr. jur. Christoph Waltz. /13/

1616: „Und die Bürgerschaft hat dieses Jahr ein solennes Scheibenschießen gehalten, dazu sie mit Gunst des Raths die Schützengesellschaft zu Gera eingeladen.” /6/

1620: In der Schlacht am Weißen Berg bei Prag verlor Herzog Johann Ernst von Sachsen alle durch die Stadt Jena gestellten Kanonen und schwächte so Jenas Verteidigungskraft. /22c/

1618 bis 1648 wütete der dreißigjährige Krieg. Jena war nach 1620 und 1635 (Prager Frieden) wegen mangelnder Wehrhaftigkeit ein willenloser Spielball in den Händen der verschiedenen Parteien. Trotz der immer wieder ausgestellten Schutzbriefe mußte Jena alle möglichen Bedrückungen und Plünderungen ohne Gegenwehr über sich ergehen lassen. /22c/ /23/

1653: Zum Mandat vom 26. Juli  liest man: „Das Armbrust- und Büchsenschießen soll zwar unverboten und der Bürgerschaft in den Städten, wie auch den Inwohnern auf den Dörfern, erlaubt seyn, aber keineswegs vor, oder unter, sondern nach gehaltener Nachmittagspredigt angehen, jedoch dabey alle Ueppigkeit und Leichtfertigkei bey Vermeidung willkürlicher Strafe unterbleiben.” /pJWA/

1654: „In der Stadt stunde auf beyden Seiten vom Johannistor biß an das Schloß die Bürgerschaft im Gewehr” - Begrüßung des Landesfürsten. /6/

1662: Jena wird unter Herzog Bernhard zur Residenzstadt des selbständigen Herzogtums Sachsen-Jena. /22c/

1663: „Und am 24. [Juni] wurde eine neue Schützenordnung der Burger gemacht und publiciret.” /6/

1664: Am 12. September wird auf Befehl Herzog Bernhards II. der Stadtgraben vom Schloß bis zum Löbdertor ausgefegt und die Mauern ausgebessert, „dazu auch die cives academici contribuiren müßen.” /6/

1666: Am 9. August (Montag) ist das Begräbnis von Wilhelm (V., *1664) zu Sachsen, ältester Sohn des Jenaer Herzog Bernhard II. „Die burgerschafft schwartz angethan stunde in gewehr vom Creutze an bis ins schloß. ... die hochfürstlichen Eltern h. Bernhard zu Sachsen v. gemahlin Maria geborene herzogin zu Tremulieu fuhren auf einer trawerkuttsche.” /20/

1668: „Nicht weniger ist in der Leimgrube ein Schießhaus und die Ziegelhütte hinter dem Fürstengraben aufgepauet worden, deßgleichen auch mit den heutigen Schlachthäusern geschehen.” /6/

1668: Am Sonntag, den 24. Juni, wird eine Erneuerung der Schießordnung durch den Landesfürsten und den Stadtrat sanktioniert. Sie sieht ein Scheibenschießen mit der Büchse vor. Der Beginn der jährichen Schießen soll auf Misericordias Domini und das Ende auf Michaelis fallen, das ist der Zeitraum vom 2. Sonntag nach Ostern bis zum 29. September. In einer Schützenrolle (z.B. in der von 1714) wurden feste Teilnehmerzahlen je nach Stärke der Innungen für die einzelnen Handwerkszünfte festgelegt (Zunftschützen).
Als Preise für die Schützenkönige werden je ein silberner Becher für das An- und Abschießen und 15 "Hosentücher" für die folgenden Schießtage genannt. Die Hosentücher wurden 1685 und 1688 erneuert. /2/ /11c/

1676: „Auch das sonst gewöhnliche Scheibeschießen ist auf Anhalten derer Intereßenten wegen der kümmerlichen Zeiten dieses Jahr unterblieben.” /6/

1679: „Auch ist dieses Jahr die Stadtmauer von dem Johannisthor hinunter nach dem medicinischen Garten zu neu gebauet worden.” /6/

1690: „Von dem 5. [Nov.] an haben die Bürger auf dem Creuz und Markt Tag und Nacht im Gewehr liegen müßen, alle Thore waren mit Landmiliz stark besetzt, die Stadtgraben wurden mit Waßer angefüllet, dadurch viele Ungelegenheit in denen Kellern geschehen; welche Anstalten deßwegen gemacht worden, weil man in Sorgen stunde, Eisenach würde mit Gewalt suchen, Proßeßion zu nehmen.” /1/, /6/
Gemeint sind hier Erbstreitigkeiten nach dem Tod des einzigen Sohnes des 1678 verstorbenen Herzogs Bernhard (*1638), Prinz Johann Wilhelm von Sachsen-Jena (*1675 †1690), zwischen den thüringischen Linien Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach um die Regierungsmacht. Die Wassereinbrüche in die Keller deuten auf einen bereits fortgeschrittenen Verfall der Stadtbefestigungen hin. /22c/

1695 erhielt die Schützengesellschaft Jena ein neuerliches Privilegium in Verbindung mit der Erneuerung der Statuten vom Landesfürsten erteilt. /4a/ /16/

1711: In der Zeit des Pietismus wurden Armbrust- und Büchsenschießen mehrmals verboten oder "gänzlich abgeschafft" (1737 und 1756). „Zwischendurch waren sie hin und wieder gestattet, auch wenn aus Furcht vor Tumulten bald wieder ein neues Verbot folgte.” /19/

1720 „Den 16. Nov. stirbt Joh. Fasemann.” [Hauptmann und Vicestadtrichter] /6/

1729 wurde das begonnene Vogelschießen wegen Todesfall des Landesherren unterbrochen. Nach dem Gesuch der Schützengilde beim Nachfolger und einer angemessenen Landestrauer wurde das Vogelschießen fortgesetzt und beendet. /2/ /11c/

1733: Am 30. April wird eine geänderte Schießordnung durch Wilhelm Heinrich zu Sachsen-Eisenach bestätigt. Sie erlaubt ein alljährliches Vogelschießen in Jena. Diese Erlaubnis kostete allerdings 235 Taler. Darüber hinaus waren jährlich weitere 6 Taler an das fürstliche Rentamt zu zahlen.
1735 wurden die jährlichen Zahlungen durch eine einmalige Abgabe von 100 Talern abgelöst. /1/

1741 wurde der "Königsschuß" durch den Landesherrn und Herzog z.S. Wilhelm Heinrich eingeführt. Dieser wurde zu einer Tradition in den folgenden Jahren. /2/ /11c/

Wegen Zwistigkeiten unter den Jenaer Studenten während eines Schützenfestes wurden die Schützenfeste zeitweilig durch Herzog Ernst August verboten. Ab der 60er Jahre wurden sie wieder erlaubt. Außer der Kriegsjahre gab es in jedem Jahr ein Schützenfest. /1/

1825 fand das letzte Vogelschießen auf der Landfeste statt: Durch den Schuß des Ölmüllers Kirsten wurde der Student der Rechte (später Landesdirektionsrat) von Helldorf Vogelkönig. /1/
Die gestiegenen Anforderungen an Sicherheit und Ordnung waren letzter Anstoß zur Schließung des Schießplatzes auf der Landfeste und seiner Verlegung nach weiter außerhalb. Außerdem besaß die Schützengesellschaft Jena keinerlei Eigentumsrechte an Grund und Boden ihres bis dato benutzten Schießplatzes. /2/

1826: Der Verlust des Schießplatzes führte zu einem außerordentlichen Mitgliederschwund. Deshalb erfolgte am 26. Juli eine Vereinigung mit dem Bürgerverein zur "Schützen-Gesellschaft". Der Bürgerverein besaß mit dem "Rautenkranz" ein Vereinslokal gegenüber der Rasenmühle, das in "Schießhaus" umbenannt wurde.
Das Lokal wurde zunächst für 3 Jahre zur jährlichen Pacht von 275 Talern an den Gastwirt Keil gegeben. /2/ /11c/

1834: Anläßlich des 300sten Jahrestages des ersten Vogelschießens in Jena fand vom 22. bis 24. Mai ein Jubiläumsschießen statt. Hierzu muß gesagt werden, daß unsere Vorväter die Jahreszahl "1534" lange Zeit als das Gründungsdatum der Schützengilde Jena betrachteten. So wurde auch 1834 das 300-jährige Bestehen gefeiert. Tatsächlich verbindet sich mit dieser Jahreszahl die erste urkundliche Erwähnung eines öffentlichen Vogelschießens auf der Landfeste.
Der Festumzug führte am 22. Mai, Start gegen 9 Uhr, vom Rathaus über Leutragasse - Johannisgasse - Markt- ... - Neugasse zum Schießplatz Rasenmühleninsel. Teilnehmer dieses Marsches waren "löbliche Innungen", Abordnungen der "übrigen Gesellschaften", Studenten, auswärtige Schützenhöfe, Förster der Umgebung ... /1/

1838 ging der "Rautenkranz" an den Gastwirt Doppelmeyer über.
Finanzielle Schwierigkeiten zwangen die Schützengesellschaft in den Folgejahren zu weiteren Verkäufen ihres Eigentums. Dem fielen leider auch einige mehrjährige Geschenke von Schützenkönigen zum Opfer, damit den Verpflichtungen gegen die Gläubiger genügt werden konnte. /2/ /11c/

1842 wurden 82 Paragraphen des neuen Statuts mit einer strengen Schießordnung, sie enthielt 57 Paragraphen, zur Bestätigung eingereicht. /2/ /11c/
Ein Passus des Statutes dieser Gesellschaft ist sehr bemerkenswert: „Die Schützengesellschaft bildet ein Corpus, das nie aufgelöst werden kann und darf, es kann und darf daher das Grund- und andere Eigentum der Gesellschaft niemals, unter keiner Bedingung und unter keinem Vorwande veräußert werden, wenn auch nur Ein Mitglied noch vorhanden wäre, und sollte, was Gott verhüten möge, der Fall eintreten, daß sämtliche Mitglieder ausstürben, so verordnet und setzt die Gesellschaft hiermit fest, daß das Grund- und andere Eigenum mit Inbegriff der silbernen Schilder der Schützen-Gesellschaft, unter Ober-Aufsicht eines Wohllöbl. Stadtrates verwaltet und in jeder Hinsicht geschützt werde, und die daraus zu beziehenden Einkünfte zum Unterhalte einiger ohne Verschulden verarmter Bürger hiesiger Stadt und zwar mit Zuziehung der Bürger-Deputirten verwendet werden sollen. Sollten sich jedoch geeignete Personen wieder finden, welche diese Gesellschaft nach den bestehenden Gesetzen fortführen wollten, so ist denselben das ganze Gesellschafts-Eigentum sofort frey und unbeschränkt zu überlassen.” /1/

Um 1845: Das Schießen läuft in diesen Jahren so ab, daß der Beginn nach Ostern stattfindet und alle Montage bis Michaelis (29.9.) fortgesetzt wird.
Als Prämien werden die ersten 8 Montage statt der früheren 15 "Hosentücher" 8 Taler, die sog. "Ratsgewinne", und die weiteren 8 Montage statt silberner Schilder die sog. "Königsgewinne" ausgesetzt. Ähnlich verliefen die Jahresschießen bereits im 18. Jahrhundert. /1/ /2/

1846: Am Sonntag, den 18. Oktober, wurde in Verbindung mit dem Erntefest das Siegesfest der Deutschen in ungewöhnlich festlicher Weise gefeiert: „Die sämtlichen Schulen, die Schützen, die Innungen mit ihren Fahnen, Deputierte der Studierenden und die alten Kämpfer aus den Freiheitskriegen zogen ins Gotteshaus, wo die Predigt auch Nachmittags ein Festzug unter Zuziehung der Schulknaben nach dem Schießhausplatze hin gehalten wurde.” /21a/

1848: Mit dem Beginn der Märzrevolution bemühte sich die Schützengesellschaft ihre vermeintlich zugedachte führende Position bei der Volksbewaffnung einzunehmen, indem sie Gewehre beschaffte sowie Exerzier- und Schießübungen organisierte.
Darüber hinaus bildet sich auch in Jena eine Bürgerwehr, die von der Schützengesellschaft durch die freizügige Benutzung ihres Schießstandes und die Personalunion in den jeweiligen Vorständen tatkräftige Unterstützung erfuhr. Diese Bürgerwehr löste sich zu Beginn des Jahres 1852 auf.

1850: Die Schützengesellschaft Jena hatte ca. 100 Mitglieder. Sie zählte damit eher zu den kleinen Gesellschaften. Zum Beispiel hatte die Schützenkompagnie Gera zur gleichen Zeit mehr als 350 Mitglieder. /2/ /17/

1858: Stiftung einer neuen Fahne durch die Schützenfrauen. /BvdS/

1860: Mit der Gesellschaft "Grüne Couleur" wird nach 1831 ("Erholung"), 1834 ("Bürgerverein"), 1841 (Kramer-Innung) und neben 1868 ("Jenensia") keine natürliche Person, sondern eine Corporation Vogelkönig.

1864: Zu Beginn des Jahres wurde der "Jenaische Wehrverein" gegründet, der die Stärkung der nationalen Wehrkraft durch die militärische Ausbildung nicht im aktiven Militärdienst stehender waffenfähiger Bürger zum Zweck hatte. Daraus bildete sich im Sommer 1866 der "Schutzwehr-Verein", der sich allerdings bereits per 30. März 1867 wieder auflöste.

1866: Im Frühjahr gründete sich ein "Schießverein", der bezüglich seiner Aktivitäten zur starken Konkurrenz der Schützengesellschaft wurde. Nach fast genau drei Jahren des Bestehens löste sich der Verein im März/ April 1869 allerdings wieder auf.

1869 und 1870 fanden keine Vogelschießen statt, dafür wurden eine Anzahl Stern- & Scheibenschießen veranstaltet. /2/ /11c/

1870: Das Jenaer Vogel-, Stern- und Scheibenschießen war bereits für den Zeitraum vom 11. bis 18. September verkündet, aber der Kriegseintritt im Juli beendete alle Vorbereitungen.

1871: Das Vogelschießen war über alle Erwartungen mit Künstlern und Schaubuden der mannigfaltigsten Art versehen, so daß bei den beschränkten Räumlichkeiten sogar die entferntesten Budenplätze neben dem Exerzierhaus und auf dem Schießhausberg für größere Etablissements in Anspruch genommen werden mußten.

1872: Das alljährliche Vogelschießen wird durch Walter Haeckel vor dem Bau der Saale-Eisenbahn als ein ansehnliches Volksfest beschrieben. Die "Budenstadt" zog sich bis zur "Landfeste" an der Camsdorfer Brücke. Die Aufzählung der Attraktionen liest sich so: „Bärenführer, Zigeunerbanden, Dudelsackpfeifer, Schießbuden, Kasperltheater, Moritatensänger und alle möglichen Schauerbudiken belebten das 'große Paradies'.” /3/

Ab 1872: Mit dem Beginn des Baus der Saale-Eisenbahn verlor die Schützengesellschaft wiederum ihren Schießplatz. Allerdings wurden Entschädigungen gezahlt. Neues Gesellschaftslokal wurde das Hotel "Zum Deutschen Haus", in dem die Versammlungen, Vergnügungen und sonstigen Angelegenheiten abgehalten wurden. /2/ /11c/

Bis 1878/80: Während der nächsten 6 bzw. 8 Jahre, fanden "recht heitere und vergnügte Sommerfeste" statt, die Schützengesellschaft veranstaltete für sich jährliche Scheibenschießen, aber für ein Vogelschießen fehlte der geeignete Platz.
Der Jahresbeitrag betrug 6 Mark bei über 100 Mitgliedern. Weitere Einnahmen bezog die Schützengesellschaft aus den Zinsen der Entschädigung wegen der Errichtung der Saale-Eisenbahn. Einbußen ihres Kapitals erlitt die Schützengesellschaft durch den Zusammenbruch der Weimarischen Bank in Folge des Bankgesetzes von 1875. /2/ /11c/


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Jena, den 26. Januar 1997 -