Schützenadler
Kalender der Schützengesellschaft Jena

Einweihung des neuen Schüt­zen­hofes am Kies­hügel.

26. Apr. 1910:     Einen lange ersehnten Festtag, der nicht nur in den Kreisen der Schüt­zen­gesell­schaft selbst, son­dern auch in den weitesten Kreisen der Bürgerschaft Jenas lebhafte Anteilnahme erweckt hat, konnte am Sonn­tag die Jenaer Schüt­zen­gesell­schaft mit der Einweihung ihres neuen Heimes am Kies­hügel bege­hen, zu dem bekannt­lich am 13. Sept. v. Js. der Schluß­stein gelegt wurde. Die Schüt­zen­gesell­schaft hatte für den Festtag ein einfaches aber würdiges Programm aufgestellt. Nachmittag 2½ Uhr versammelten sich die Mitglieder der Gesell­schaft, sowie Abordnungen der „Jenensia” und der „Grünen Kouleur” mit ihren Fah­nen, im Weima­rischen Hof und zogen unter den Klängen der Stadtkapelle durch die Stadt nach dem im Fest­schmuck prangenden neuen Schüt­zen­haus. Böllerschüsse begrüßten die ankommenden Schüt­zen­, die sich zunächst mit ihren Ehrengästen und Damen in der mit Tannen­quir­lan­den geschmückten Vor­halle ver­sam­mel­ten. Den zu der Ein­wei­hungs­feier ergan­genen Ein­la­dun­gen hat­ten sei­tens der städti­schen Be­hör­den u.a. die Herren Ober­bürger­meister Dr. Singer, Bürger­meister Dr. Müller, Stadtrat Timler und Leh­mann, sowie die Herren Justizrat Stapff, Amts­gerichts­rat Dr. Schmid und Fabri­kant Netz Folge ge­lei­stet. Das hiesige Bataillion hatte 3 Herren des Offiziers­korps entsandt. Als Vertreter des Thü­ringer Schüt­zen­bundes war Geh. Medi­zinal­rat Dr. Ster­zing-Gotha er­schie­nen.
      Nach einem von der Stadtkapelle gespielen Choral ergriff zunmächst der Erbauer des Schüt­zen­hauses, Architekt Schreiter, das Wort zu einer Ansprache, in der er auf die Bedeutung des neuen, mit allen mo­der­nen Er­rungen­schaf­ten ausgestatteten Heims für die Ausbildung der Schüt­zen­ hinwies und betonte, daß die Jenaer Schüt­zen­gesell­schaft nunmehr in des Stand gesetzt sei, in ihren Räumen größere Bundes­schie­ßen ab­zu­hal­ten und ihre Gäste würdig zu empfangen. Möchten in dem neuen Heim der Schüt­zen­gesell­schaft nur frohe und glückliche Stunden beschieden sein. Heute spreche er allen denen, die ihm beim Bau des Hauses ihre Unterstützung zuteil werden ließen, seinen herzlichen Dank aus. Mit den Wor­ten: „Stets vorwärts blicken, nie zurück. Im neuen Heim ein neues Glück!”, überreichte Herr Schreiter sodann dem Hauptmann der Gesell­schaft, Uhrmachermeister Beyer, den Schlüssel zum Hause. Herr Beyer hieß nunmehr die Erschienen, insbesondere die Vertreter der Stadt Jena und des Offizierskorps, der Nachbar­gemeinde Löb­stedt, der Vereine „Jenensia” und „Grüne Kouleur”, ferner Herrn Dr. Sterzing und Herrn Paris-Königsee, einen der ältesten Veteranen Thü­rin­gens und eifrigen Schüt­zen­, in herzlichen Worten willkommen. Die heutige Feier sei nur in kleinerem Rahmen geplant gewesen und deshalb seien keine weiteren Einladungen an auswärtige Schüt­zen­gesell­schaften ergangen, dafür werde im Sommer ein größeres Schießen veranstaltet werden, zu dem man diese zu begrüßen hoffe. Mir ist – so fuhr Herr Beyer fort - der ehren­volle Auf­trag zu­teil ge­wor­den, das Haus zu weihen und dem Verkehr zu über­geben. Wenn sich im Leben des Einzelnen ein Umzug vollzieht, so ist das immer von einschneidender Bedeutung. Viel mehr ist das noch für eine Schüt­zen­gesell­schaft der Fall, die naturgemäß immer an die Scholle gebunden zu sein pflegt. Und da ist es angebracht, heute einen kurzen Rückblick auf die Vergangenheit zu tun. Die Jenaer Schüt­zen­gesell­schaft kann auf ein hohes Alter zurückblicken. Bis vor 10 Jahren etwa war als Entstehungstermin der Gesell­schaft der Anfang des 16. Jahrhunderts angenommen worden und die Chronik erzählt schon von einem 1534 auf der Landveste abgehaltenen Schüt­zen­feste. Durch eifrige Studien unseres Ehren­mit­glieds Rentner Rodi­gast in des Archiven in Weimar ist dann nach­gewiesen wor­den, daß bereits 1304 hier Bogen- und Arm­brust­schützen als Bürger­wehr exi­stiert haben, die zu­sam­men mit den Erfurter, Mühl­hausener und Nord­hausener Bürgern die Haus­berg­burgen zerstörten, um das den blühenden Handel schwer bedrückende Raub­ritter­tum zu be­sei­ti­gen. Im Frieden übte man sich dann im Schießen. Der älteste nachweisbare Schieß­stand befand sich im Wall­graben der Stadt Jena, mit der Schuß­rich­tung nach der Gegend des Pulver­turms zu. 1490 fand dort ein grö­ße­res Schießen statt, bei dem sich die Orla­münder Schüt­zen­ besonders aus­zeich­neten. 1538 fand wieder ein durch die Anwesenheit des Kurfürsten Johann Friedrich bemer­kens­wertes Schießen statt. Mit der Erfindung des Pulvers traten dann große Veränderungen ein. Der Wallgraben reichte für die jetzt gebräuchlichen Feuerwaffen nicht mehr aus. Man errichtete einen Schieß­stand auf der Land­veste, wo heute noch Reste einer als Schutz­wall errich­teten Mauer Zeugnis davon ablegen. Die fortschreitende Verbesserung der Waffen zwang dann wieder zum Auszug nach der Rasenmühle, wo ein Gelände als Schießplatz erworben und ein­ge­rich­tet wurde. Durch die Anlage der Eisenbahn Anfang der 70er Jahre war abermals ein Platz­wechsel nötig und man fand Unter­kunft in Weni­gen­jena, wo dann zur besseren Verbindung des Schüt­zen­platzes mit der Stadt Jena die Schüt­zen­brücke errichtet wurde. Aber die rege Entwicklung Jenas und die damit ver­knüpf­te Aus­deh­nung Weni­gen­jenas legte in den letzten Jahren wieder eine Ver­än­de­rung nahe. Es wurden darum im Jennertal Grund­stücke erworben, Pläne entworfen, und es war für diese bereits die Bau­erlaub­nis von der Bezirks­direktion erteilt, als die Verwaltung von Weni­gen­jena eine Bauplan­änderung vornahm, nach welcher eine Straße mitten durch die Schuß­richtung der geplanten Schießstände gelegt wurde. Es würde sich also infolge­dessen über kurz oder lang schon wieder eine Ver­legung nötig gemacht haben. Da ent­schloß man sich, nach Jena zurückzu­kehren und erwarb von den Uhrlauschen Erben ein umfang­reiches Gelände am Kies­hügel, wo ein neues Schüt­zen­haus mit Schieß­ständen erbaut und ein Fest­platz ein­ge­rich­tet werden konnte. Rasch wurden die Pläne gefertigt, und heute erhebt sich das Schüt­zen­haus mit Schieß­ständen vor dem Auge des Beschauers. In den Schieß­ständen sind gegenwärtig 6 Feldscheiben, 10 Standscheiben, 6 Pistolen-, 1 Wild- und 1 Reh­bock­scheibe vor­han­den. Die Anlagen sind so vor­ge­se­hen, daß auch größere Bundes­schießen, wie das Mittel­deutsche, das Pistolen-Bundes­schießen etc. künftig hier abge­halten werden können. Und nun können wir heute auf ein stattliches Heim, von dem man sagt, es sei einer der schönsten Schieß­stände, blicken. Da ist es mir ein Herzens­bedürfnis, nochmals allen denen, die zu seiner Errichtung und Aus­schmückung beige­tragen haben, den herz­lichsten Dank aus­zu­spre­chen. Mögen die Kameraden die neue Stätte zur eifrigen Uebung und Pflege der edlen Schieß­kunst benutzen, damit sie in Ehren bei den größeren Bundes­schie­ßen, die mehr sind als nur ein Sport­fest und von denen man unver­geß­liche Erinne­rungen mit nach Hause nimmt, bestehen können. Aber auch alle Freunde der Schieß­kunst, Bürger Jenas, studen­tische Korpo­rationen, die sich hier üben wollen, sie alle sollen uns herz­lich will­kom­men sein. Und nun weihe ich dieses neue Heim und übergebe die Schießstände dem öffent­lichen Verkehr mit dem Wunsche, daß der gute Geist, der bisher immer bei uns geherrscht hat, die Treue zu Kaiser und Reich ...
      Im Namen der städtischen Behörden sprach dann Ober­bürger­meister Dr. Singer den Dank für die Einladung aus und übermittelte die besten Wünsche des Gemeindevorstandes und Gemeinderates. Er erinnerte anknüpfend an die Geschichte der Schützengesellschaft daran, daß das Entstehen der Gesell­schaft vermutlich schon auf d. J. 1230 anzusetzen sei, in dem der Stadt Jena vom Kaiser das Mauer- und Zinnenrecht verliehen wurde. Möchte ein glücklicher Stern über dem neuen Heim und seinen Besitzern walten bis in die fernsten Zeiten! Geh. Medizinalrat Dr. Sterzing übermittelte die Wünsche des Thü­ringer Schüt­zen­bundes und hofft, daß das neue Heim vor allem eine Stätte zur Pflege der Kame­rad­schaft und Vater­lands­liebe werden möge. Herr Paris-Königsee richtete an die jungen Mit­glie­der die Mah­nung, stets treu zur Schüt­zen­sache zu halten. Die Gesell­schaft „Jenensia” ließ durch ihren Sprecher ein Bild des Schüt­zen­hauses unter herzlichen Glückwünschen überreichen.
      Nachden dann das von Herrn G. Rodigast verfaßte sinnige Festlied verklungen und auch der Stadt Jena durch Absingen einer Strophe des Liedes „Stoßt an, Jena soll leben” gedacht war, begann der Rundgang durch die Räumlichkeiten des neuen Schüt­zen­hauses, die sowohl in der Art der dekorativen Ausstattung wie in der Zweckmäßigkeit ihrer Anlage ein beredtes Zeugnis ablegen von der Kunst des Architekten, und deren Besuch wir angelegentlich empfehlen. Bald waren die im Ober­geschoß ge­le­ge­nen geräu­migen Gast­zimmer und die Schieß­halle mit fröhlich plaudernden Fest­teil­neh­mern, die sich an dem von der Gesell­schaft gespen­deten prächtig mundenden Stadt­pilsner und den zu einem echten Schüt­zen­fest gehörigen Rost­bratwürst­chen er­quick­ten, gefüllt und die pro­grammäßige Eröff­nung der Schieß­stände durch die Ehren­gäste erfolgte. Von der Vortrefflichkeit der Anlagen der Schießstände wird man sich ungefähr einen Begriff machen können, wenn Schreiber dieser Zeilen feststellt, daß er, ohne vorher eine Scheiben­büchse gekannt und gehandhabt zu haben, dank der Belehrung der Jenaer Schüt­zen­ lauter „Treffer” zu verzeichnen hatte. Sachverständige wollen allerdings wissen, daß im Großen und Ganzen bei dem Schießen der Ehrengäste – mit Ausnahmen natürlich – von den Schei­ben­an­zei­gern noch nie­mals so stark und häufug „ge­winkt” wor­den wäre. Die Resultate des Schießens werden an anderer Stelle ver­öffent­licht werden. Montag Nach­mittag wird das Schießen um die gestif­teten wert­vollen Ehren­preise fort­gesetzt. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Schießen abge­brochen. Musik und frohes Geplauder hielt die Teilnehmer, die nur die besten Erinne­rungen von dem in allen Teilen wohl­gelun­genen Fest mit nach Hause nahmen, noch einige Stunden beisammen, und nur ungern trennte man sich, noch einen letzten Blick von der statt­lichen Höhe ins schöne Saaletal und das in Früh­lings­abend­dämme­rung liegende Jena werfend, von der gastlichen Stätte und den lieben­swür­digen Gastgebern, die erst gegen Mitternacht mit den noch anwesenden Gästen ihr neues Heim verlie­ßen und unter den Klängen der Musik nach Jena hinab­zogen.
      Möge der verhei­ßungs­volle erste Tag im neuen Heim der Jenaer Schüt­zen­gesell­schaft für die Zukunft reiche Früchte tragen.
„Fest mögen diese Mauern, Jahrhundert' überdauern.
    In ihnen herrsche Liebe, Einigkeit,
    Frohsinn und Treue bis zur spät'sten Zeit!”
      Die Schieß­ergebnisse der Gäste am Sonntag sind folgende:
Ehrenscheibe 175 Meter.
18 Ringe: Herr Erich Walt[h]er-Jena.
17 Ringe: Herren [Fabrikbesitzer] Paris-Königsee;
    Leutnant Frh. v. Fürstenberg-Jena.
16 Ringe: Herr [Kaufmann] Franz Meier-Jena.
14 Ringe: Herr Leutnant v. Nissen-Jena.
12 Ringe: Herren Geh. Medizinalrat Dr. Sterzing-Gotha;
    Redakteur [Otto] Müller-Jena;
    Leutnant Frh. v. Frauenberg-Jena. [Freudenberg]
8 Ringe: Herren [Fabrikant] Karl Netz;
    Amtsgerichtsrat Dr. Schmid-Jena;
    Otto Herfurth-Jena.
7 Ringe: Herren Leutnant Frh. v. Goeckel;
    [2.] Bürger­meister Dr. Müller;
    Kaufmann Müller.
Ehrenscheibe auf Pistole (35 Meter).
14 Ringe: Herr Erich Walt[h]er-Jena.
12 Ringe: Herr Leutnant Frh. v. Frauenberg. [Freudenberg]
10 Ringe: Herren Hermann Heinicke [für „Grüne Couleur”];
    Leutnant v. Nissen;
    Georg Kaestner [für „Jenensia”];
    Leutnant v. Goeckel;
    Leutnant Frh. v. Fürstenberg.       [/JV/] /JZ/

Quellen: /JV/ - 26.04.1910, /JZ/ - 26.04.1910

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Jena, den 18. März 2009 -